Hauab

Es kostet mich ein wenig Überwindung hier zu schreiben, weil das Verhalten, das ich gleich beschreiben werde, sich in einer Grauzone befindet, die mich verunsichert. Zugleich ist das aber auch meine Motivation zu schreiben. Denn wenn das Verhalten eines anderen Menschen mich so sehr verunsichert, dann scheint da etwas nicht in Ordnung zu sein. Und hier darüber zu berichten, ist ein Anfang, mich dagegen zu wehren, denn auch das ist schwierig, wie ihr gleich sehen werdet.

Ich sitze im Vorraum einer Bibliothek in einer Sesselgruppe. Irgendwann kommt ein Mann und fragt, ob ein Sessel noch frei wäre. Er setzte sich, aß ein Brot und war etwas unruhig, ließ seinen Blick schweifen und wirkte ein bißchen so, als wollte er Kontakt aufnehmen. Da ich keine Lust auf Kontakt habe, habe ich es ignoriert. Ein oder zwei Tage später kommt dieser Mann in die Bibliothek und setzt sich neben mich, breitet sich aus, so dass auch ein aufgeschlagenes Buch teils auf meinen Tisch zu liegen kommt. Ich bin irritiert, versuche es aber zu ignorieren und sage, als er fragt, das es natürlich kein Problem sei. Ich versuche weiter zu arbeiten, merke aber immer wieder, dass er zu mir hinüber guckt und sehr aufmerksam ist, als ich mich mit einer Bekannten, die hinter mir saß, verabredete. Diese Bekannte sprach mich dann darauf auch an. Insofern habe ich zumindest eine Augenzeugin, die meine Beobachtung zu jenem Zeitpunkt bestätigt. Als er irgendwann geht, verabschiedet er sich von mir.
Zwei Tage später, ich habe so eine Art Stammplatz in der Bibliothek, kommt er wieder und setzt sich schräg vor mich – ich vermute, er hätte sich neben mich gesetzt, wäre da frei gewesen – und verhält sich so auffällig, wie beim letzten Mal. Wenn er aufsteht, scheint es mir, dass er versucht, Augenkontakt zu bekommen. Ich versuche, es zu ignorieren und schaue in meine Bücher und schreibe. Zuletzt stand er auf, und wollte offenbar losgehen, ging aber nochmal an meiner Tischreihe vorbei, so dass er schräg hinter mir war (es gibt da nicht mehr viel, außer einer Bücherwand und einen Überblick über den Rest des Bibliotheksaal – wir sitzen auf einer Art Empore). Es war unangenehm, weil ich nicht genau wusste, wo er stand (direkt hinter mir oder weiter weg), es aber auch nicht überprüfen wollte, weil ich ansonsten mit ihm vermutlich Augenkontakt gehabt hätte. Es ist verhext, denn natürlich könnte es auch sein, dass er etwas völlig anderes im Sinn hatte, als mich zu verunsichern.
Nun, ich habe mich weggesetzt, so dass mich er von seinem Platz nicht sieht (und ich ihn nicht) und hoffe einfach, dass ich mich geirrt habe. Zugleich ärgere ich mich, dass ich vermutlich wegen eines blöden W****ers meinen Platz wechsle. Und ich frage mich, wie frau so eine Situation lösen kann, ohne sich zurückzuziehen.